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03. Sep. 2010 12:53 Uhr
Nach Jahrzehnten durch Zufall Geschwister gefunden


Hessisch Oldendorf (ah). „Es gibt Geschichten, die das Leben geschrieben hat, die in einem Buch stehend als gut erfunden, aber eben unglaublich empfunden würden“, meint Heinz Beißner. Zum 80. Geburtstag besucht der Ortsbürgermeister der Ortschaft Süntel den Bewohner eines Dorfes, der ihm Einblick in seine Biografie gewährt, die den selten um ein Wort verlegenen Beißner sprachlos macht.
 Friedrich Karl Skibonski (Name auf Bitte des Seniors geändert) kommt 1930 als drittes von sechs Kindern in Niederschlesien zur Welt, allerdings nicht unter diesem Namen, sondern als Karl Friedrich Becker. Nach der Geburt des jüngsten Bruders 1938 stirbt die Mutter, die Kinder kommen bei Verwandten oder im Dorf unter, Karl Friedrich wird von einem Müller aufgenommen. „Dort musste ich morgens um fünf Uhr aufstehen, noch vor der Schule mit dem Pferd in den Nachbardörfern Brot austragen und bis in die Nacht in der Mühle aushelfen“, erinnert sich Becker. Als sein Vater eine Deutschpolin heiratet, kehrt er 1940 in sein Elternhaus zurück, in dem auch seine Schwester Gerda wohnt. Mit 14 Jahren beginnt Karl Friedrich eine Ausbildung zum Autoschlosser, die mit dem Einmarsch der Russen endet. Während sein Vater im Krieg ist, verkauft ihn die Stiefmutter, zu der er ein schlechtes Verhältnis hat, als Arbeitskraft an Polen. „Was folgte, war die schwerste, von Misshandlungen begleitete Zeit in meinem Leben“, sagt der 80-Jährige.
 Hart muss der Jugendliche bei einem polnischen Bauern arbeiten, als Nachtlager dient ihm ein Platz im Pferdestall. Durch einen Unfall mit einem Pferdegespann, bei dem er mit dem Kopf zuerst vom Wagen stürzt, erfährt sein Leben einen tiefen Einschnitt: Ein schweres Hirntrauma führt zu Gedächtnisverlust, nimmt ihm Kindheit, erste Jugendjahre und den Kontakt zu seiner Familie. Als er wieder zu sich kommt, beugt sich eine Frau über ihn und nennt ihn Friedrich Karl. Von diesem Zeitpunkt an existiert kein Karl Friedrich Becker mehr, sondern nur noch der im nunmehr polnischen Schlesien lebende Friedrich Karl Skibonski. Bis zu seiner Ausweisung 1957 arbeitet er auf dem polnischen Hof, immer mit einem Heimweh im Herzen, dem er nicht weiter nachgehen kann. Auf der Fahrt in die DDR muss er krankheitsbedingt in Eberswalde den Zug verlassen. Wieder verdient Skibonski seinen Unterhalt auf einem Hof, dann wechselt er bis 1963 zur Volkspolizei, wird in Marienborn stationiert. Aufgrund politisch nicht korrekter Meinungsäußerungen hat er die Stasi im Nacken, flüchtet schließlich per Anhalter in einem Lkw nach Berlin und kommt in ein Auffanglager. Dort wird er von Bauer Wilhelm Ossenkop aus Großenwieden angeworben, der ihm sogar den Flug nach Hannover bezahlt. Von der Landwirtschaft führt ihn sein beruflicher Weg in die Arbeit im Steinbruch, später verdient er sein Geld als Fernfahrer.
 Bereits in der DDR, aber auch danach im Westen versucht der Heimatvertriebene über das Rote Kreuz seine Geschwister zu suchen, deren Vornamen ihm wieder präsent sind. Doch sein eigener umgeänderter Name steht dem Erfolg im Wege, ohne dass ihm das bewusst ist. Parallel bemüht sich sein ältester Bruder Herbert, ihn ausfindig zu machen; auch er scheitert an dem ihm nicht bekannten Namen.
 Mit Ehefrau und Tochter zieht Friedrich Karl Skibonski 1969 in sein Eigenheim in dem Dorf am Süntel, 1994 stirbt seine Frau. In dieser schwierigen Lebenssituation hat er das Glück, eine neue Partnerin zu finden. 1995 begleitet er sie nach Cottbus zu Verwandten und lässt irgendwann den Satz fallen: „Ich möchte so gerne mal nach Hause.“ Ein Verwandter seiner Partnerin willigt ein, das Paar über die Grenze in Guben in sein Heimatdorf Dobra, früher Döberle zu fahren. Sein Elternhaus erkennt er trotz Gedächtnislücken sofort wieder.



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